Themen Webwissenschaften - Ganzheit oder Aneinanderreihung?
Hans.Mittendorfer.Uni-Linz, 2. Oktober 2011, 19:33
Warum das Web entstand
Tim Berners-Lee spricht in seinem Vortrag: "The next Web of open, linked data" (Q 12) über seine Motive das Web zu entwickeln, die Notwendigkeit Standards und "Links" für vernetzte Dokumente zu entwicklen und barrierefreien, globalen Zugriff auf Daten zu schaffen. Er spricht über Hypertext und eine gesellschaftspolitische Forderung:
Das Verhältnis zwischen Web und Internet
Das World Wide Web (kurz Web oder WWW) ist technologisch gesehen ein Dienst unter vielen Diensten des Internet, es wird jedoch häufig dem Internet gleich gestellt. Diese Gelichstellung hat bis zu einem gewissen Grad seine Berechtigung, da der Internetdienst WWW über seine Oberflächen und Funktionen (den Benutzeroberflächen und Funktionen der Browser und den dahinter wirkenden Diensten) viele der generischen Interent-Dienste (z.B. E-Mail, Filetransfer, Audio- und Videostreaming), Applikationen und Medien in sich vereinigt.
Die Verschiebung der Nutzung des Web vom ürsprünglichen hypertextuellen Web (Web1.0) zu Videostreams und Peer-to-Peer Anwendungen, veranlasste das Internet-Magazin "Wired" im August 2010 einen Artikel von Chris Anderson und Michael Wolff mit dem Titel "The Web Is Dead. Long Live the Internet" zu veröffentlichen (Q10), der die Fachwelt in Aufruhr versetzte (siehe Q11).

Abb.: Proportion of Total US Internet Traffic, (Q10)
Alles Web
Die technologische Anwort auf die festgestellte Entwicklung der Internetnutzung ist die umfassende Integration vieler Anwendungen in den Web und stößt damit eine Neuorientierung in den IT an:
- Die Ausstattung der Webbrowser mit standardisierten, erweiterten Techniken.
- Die optimale die Unterstützung vielfältiger Funktionen "moderner" Browser durch das Betriebssystem, bzw. die Verschmelzung zwischen Betiebssystem und Browser.
- Die Anpassung der verschmolzenen Browser/Betriebssystemsoftware auf künftige, mobile Hardware und neuen Benutzeroberflächen.
- Breitbandige Netze, mit entsprechendem Anteil für mobile Anwendungen.
- Breites Angebot an Diensten im Netz (Cloud Computing).
Realisierungsbeispiel: "Goolge's Chrome OS" mit "Google Chrome" und dahinter wirkender "Cloud".
Vernetzung der Themen
Das Web als zentrales, viele Disziplinen zusammenführendes Element übt in seiner Kernfunktion selber Vernetzung aus. Keine der entwicklenten Technologien kann sich langfristig isoliert behaupten, wenn sie nicht die Prüfsteine ökonomischer, rechtlicher, gestalterischer (z.B. Barrierefreiheit) letztendlich gesellschaftspolitischer Aspekte besteht. Die technologischen Entwicklungen wirken aber auch zurück auf ökonomische, rechtliche, gestalterische und gesellschaftliche Entwicklungen.
Das World Wide Web nach dem Entwurf von Tim Berners-Lee (Q2) ist die mit Abstand erfolgreichste, wenn auch nicht kritiklos existierende Realisierungsvariante des Hypertext-Konzeptes von Ted Nelson (Q3). Das Web vernetzt Inhalte im medialen Sinn (Q4), nicht jedoch vollständig und systematisch - z.B. in semantischer Hinsicht.
Kritik Nelsons am Web
Ted Nelsons Kritik am Web nährt sich aus dem von ihm geschaffenen Modell des Hypertexts. Die in allen gängigen Betriebssystemen vorherrschenden, hierarchischen Dateisysteme entsprechen nicht dem Hypertextmodell. Das Auflösungsvermögen von Verzeichnissen und Dokumenten ist zu grob.
Nelson: "The Computerworld is Not Yet Finished" (Q13)
Ist die Webwissenschaft eine eigenständige Wissenschaft?
Zur Frage, ob nun die Webwissenschaft eine eigenständige Wissenschaft ist oder je werden kann, weist H. Volpers im Kapitel "Das Web als Gegenstandbereich im Kontext verschiedener Natur-, Geistes- und Sozialwissenschaften" auf die, wenngleich sehr unterschiedlichen, "erkenntnisleitenden Interessen" der beteiligten Disziplinen hin (Q4, Seite 45). Beispielgebend wird u.a. E-Commerce als Teildisziplin der Wirtschaftswissenschaften mit Interesse am Web angeführt.
Die auch im gegenständlichen Studium als interdisziplinär eingestufte Betrachtungsweise der Webwissenschaften zergliedert eine, möglicher Weise neue Wissenschaft in bekannte Fächer mit dem Präfix "E-" (E-Business, E-Government, E-Learning, usw.) und extrahiert diese aus traditionellen Wissenschaften. Dieser Ansatz ist als Antwort auf die Frage nach der Eigenständigkeit der Webwissenschaften nicht zufriedenstelltend.
Volpers verweist deshalb in seinen Ausführungen auf das "Modell einer zukünftigen transdiszipliären Webwissenschaft" (Q4, Seite: 47). Sie sieht ihre Wurzeln in der allgegenwärtigen und umfassenden Durchdringung des Alltags aller gesellschaftlichen Milieus mit digitalen Informations- und Kommunikationstechnologien, repräsentiert durch das Web - dem ubiquitären Web. In der zitierten Quelle ist beispielgebend von "technisch konstruierten, humanen bzw. sozialen Aktionsräumen" die Rede, die von keiner der sich angesprochen fühlenden Einzelwissenschaften (ausreichend) verstanden und erforscht werden können.
Das (systematische) Aufsuchen, Ordnen und Bewerten, grenzüberschreitender (transdisziplinärer) Beziehungen einzelwissenschaftlicher Themen (Aspekte) ist demnach Ziel des Propädeutikums, und könnte zur Methodik einer selbständigen Webwissenschaft werden.
Dazu ein Beispiel:
Derzeit ist die Einführung des Internet Protokolls, Version 6 (IPv6) im Gange. IPv6 verfügt über einen immensen Raum von 340 Sextillionen Adressen mit der Entsprechung geschätzter Sandkörner der Sahara. Überdies weist IPv6 gegenüber dem derzeit noch vorherrschenden IPv4 weitere, leistungssteigernde Merkmale auf.
Es wäre falsch, wegen des Einstiegs über das Informatik-Thema "IPv6" auf eine von der Technik getriebenen Entwicklung des Interents bzw. des Webs und damit der Webwissenschaft zu schließen, denn die gigantische Steigerung des Adressraumes, sowie die leistungssteigernden Merkmale von IPv6 sind auch das Ergebnis wirtschaftlicher, rechtlicher oder gesellschaftlicher Überlegungen, die auf den Erfahrungen mit IPv4 beruhen.
Demgemäß sind z.B. zahlreiche Vorschläge für die Verwendung der zahlreichen IPv6-Adressen vorhanden, die mit der Adressierung und damit der global eindeutigen Kennzeichnung, von Dokumenten bzw. Knoten nach Nelson's Hypertext-Modell, Haushaltsgeräten, Fahrzeugen, Maschinen und Produkten jeglicher Art beginnen und mit der Spekulationen eines Grundrechts auf immerwährende, persönliche IP-Adresse(n) enden. Letztere wiederum ziehen datenschutzrechtliche Bedenken nach sich, die ihrerseits durch die Macht des Faktischen "Die Privatsphäre ist obsolet" (Q6) hintertrieben werden und möglicher Weise dem, von den UN kürzlich geforderten Grundrecht auf freien Zugang zum Internet (Q7), widersprechen könnten.
Würden sich den natürlichen Personen eindeutig und immewährend zugeordnete IPv6-Adressen durchsetzen, so wären Dienste und Protokolle (z.B. Session Initiation Protocol) für den Aufbau von Kommunikationsdiensten nicht mehr im aktuell praktizierten Maße notwendig, ein erweitertes Domain Name System könnte Teile davon übernehmen. Noch bedeutender ist, dass Geschäftsmodelle heute agierender Access Provider, welche die Telefonie aus dem Dienstenangebot des Inernets auch dann "herausschälen", wenn Voice über IP verwendet wird, grundlegend umgestaltet werden müssten.
Künftige Geschäftsmodelle werden IPv6 nutz- und gewinnbringend einbauen. Die Angebote der Access-Provider könnten die noch aus sozialen Überlegungen heraus hoch gehaltene Netzneutralität unterlaufen (Q8).
Die Bearbeitung der angesprochenen Themen setzt das Verständnis der Teilaspekte und deren Wirkmechanismen (wie auch innerhalb der traditionellen Wissenschaften) voraus. Arbeitsteiliges Vorgehen hat dabei seine Grenzen, schon allein wegen der unterschiedlichen Sprachen, Methoden und Denkweisen. Reader (Q9).
Quellen (Qn)
- Online: Curriculum Webwissenschaften
- Online: "Web Architektur des W3C"
- Theodor Holm Nelson: "Literary Machines", Eigenverlag 1980
- K. Scherfer: "Ist das Web ein Medium", in K. Scherfer (Hg.): Webwissenschaft - Eine Einführung", Berlin 2010.
- H. Volpers: "Warum eine Webwissenschaft?", in K. Scherfer (Hg.): Webwissenschaft - Eine Einführung", Berlin 2010.
- Online: FinanzNachrichten.de "Jedem siebten Internetnutzer ist der Datenschutz egal"
- Online: "Internet-Trennung ist Menschenrechtsverletzung"
- Online: "Internet Protokoll Version 6"
- Douglas R. Hofstadter: "Gödl, Escher, Bach", Stuttgart 1985, Seite 400 ff.
- Online: "The Web Is Dead - Long Live the Internet", Wired 2010.
- Online: "Is the Web Dead?", The New York Times
- Online: Berners-Lee: "The next Web of open linked data", TED Konferenz im Februar 2009, Longbeach California.
- Online: Ted Nelson: "The Computerworld is Not Yet Finised"
Alle genannten Onlinequellen wurden zuletzt am 20. Juni 2011 aufgerufen. Für Inhalte der Onlinezitate wird keinerlei Haftung übernommen.
Datenschutz und persönliche IP-Adresse (überall) unbedenklich?
sebastian christopher.mayrhofer.uni-linz, 3. Oktober 2011, 11:54
Unter Umständen nehmen es User in der westlichen Welt nicht ganz so ernst mit dem Datenschutz, immerhin gilt die Maxime: Wer nichts zu verbergen hat, muss sich auch nicht fürchten? Wie sieht es allerdings in Staaten mit repressiver Regierungsgewalt aus (vgl. etwa die Revolutionen in Tunesien, Iran, Ägypten)?
Wäre eine von Geburt an ad personam zugewiesene IP-Adresse nicht auch geeignet unliebsame Zeitgenossen gezielt(er) zu verfolgen?
Stichwort: Twitter-Revolution im IRAN, sofern man überhaupt von einer solchen ausgeht! Sind Social-Web Anwendungen geeignet Regierungen tatsächlich umzustürzen? Oder kann ich derartige Medien nicht auch dazu nutzen, um potentielle Aufrührer aufzuspüren bzw. um gegebenenfalls deren vorhandene Infrastrukturen zu infiltrieren (Näheres bei Q1, Q2)?
Bitte auch HIER nachlesen!
Quelle:
Q1: Kettemann, Wider die Cyberutopie in der Weltpolitik, Twitter und Facebook machen noch keine Revolution, juridikum 2011, 155.
Q2: Online Video
Lebenslange IP Adresse?
harald.koenigseder.uni-linz, 3. Oktober 2011, 19:50
Ist es wünschenswert jedem Menschen seinen eigenen IP Adressen Pool zuzuweisen? Sollte dieses Szenario Wirklichkeit werden stellt sich die Frage, wie diese personenbezogenen Daten künftig geschützt werden können. Theorethisch wäre es ja somit möglich jeden Menschen lebenlang im Netz zu verfolgen.
Quelle
Q1: Online: Welt Online, "Das Netz der denkenden Dinge"
Digitalism
Bianca.Erharter.Uni-Linz, 4. Oktober 2011, 09:26
Ich nenn meinen Beitrag nun Digitalism, welcher eine Verbindung aus digital und Rassismus ist (und anscheinend ein deutsches Elektro-House-Duo).
Hiermit meine ich, dass bewusst Leuten Informationen vorenthalten werden, ob nun einer gewissen Volks- bzw. Altersgruppe angehörig oder nicht ist mir hierbei nicht so wichtig. Ich spiele mehr auf die Tatsache an, dass man nicht Zugriff auf alle Informationen des "weltweiten Web" hat. Seiten und Blogs aus Amerika, China oder anderen "Krisen"-gebieten werden für die Öffentlichkeit gesperrt oder zumindest zensiert, sobald es dort irgendwelche Vorfälle gibt. Medienkontrolle und Internetzensur sind dabei die Schlagworte.
Was mir jetzt gerade in den Sinn kommt: es ist möglich, unerwünschte Informationen bzw. ganze Seiten zu sperren/zensieren, doch es ist nicht möglich, die Privatsphäre der Internetnutzer aufrechtzuhalten? Wieso können diese Infos nicht für andere gesperrt werden? Vermutlich liegt's wieder mal an schnöden Geld...
Take your time to think about it,
Biancchra
p.s. if you have wondered about it: Biancchra is my tyrolean version of Bianca
Auch hier nachzulesen.
Quelle: http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,706735,00.html
Persönliche IP Adressen
juergen.holzweber.uni-linz, 4. Oktober 2011, 14:20
Ich schließe mich den Statements meiner Vorredner im Bezug auf die Vergabe von persönlichen IP-Adressen an. Wo bringt es Vorteile für den Einzelnen und wo ist es schlichtweg ein machtvolles Instrument zur Verfolgung der digitalen Spuren eines Individuums im Netz? Dazu mehr in den Quellen auf meinem Blog.
Daten
dominik.gruber.uni-linz, 12. Oktober 2011, 11:25
Hier findet Ihr meinen Beitrag zum diskutierten Thema.
Die Macht des WWW
anna.eberharter.uni-linz, 15. Oktober 2011, 12:12
Das Web wird lange nicht mehr nur für die Ursprungsidee (Informationsaustausch und -verbreitung) genutzt, sondern auch für viele andere Dinge. Der folgende Beitrag veranschaulicht am Beispiel Ägypten und Tunesien die Macht des WWW.
Webwissenschaften?
irene elisabeth.ruderstorfer.uni-linz, 15. Oktober 2011, 17:08
Hier findet ihr meinen Beitrag zum Thema, ob Webwissenschaften eine eigene wissenschaftliche Disziplin darstellt oder eher doch nur eine Vernetzung aus unterschiedlichen Fachdisziplinen ist.
Linked Data
patricia.wolfsteiner.uni-linz, 16. Oktober 2011, 21:47
Die aktuellen Bestrebungen von Tim Berners-Lee sollen zu einem verbesserten Informationsgehalt des Webs führen. Mehr Gedanken dazu gibt es in meinem Blog.