Themen The Long Tail, ein Geschäftsmodell für das Web

Hans.Mittendorfer.Uni-Linz, 4. Oktober 2011, 15:56

The long Tail oder die Zukunft der Nischen

Die nachfolgenden Ausführungen beziehen sich hauptsächlich auf das Werk:

Chris Anderson "The Long Tail - Nischenprodukte statt Massenmarkt". Erweiterte Ausgabe München 2009. Wörtliche Zitate aus dem Werk sind in kursiver Schrift, ergänzt durch die Seitenangabe gekennzeichnet.

Läden aus Ziegel und Mörtel

Betriebswirtrschaftliche Überlegungen führen zu folgenden, beispielhaften Schlüssen.

  • Ein Plattenladen muss mindestens vier Stück einer CD pro Jahr verkaufen, damit es sich lohnt das Werk im Regal zu führen. (Q1: Seite 19)
  • Ein durchschnittliches amerikanisches Kino zeigt einen Film erst, wenn er bei einer Laufzeit von zwei Wochen mindestens 1500 Besucher anzieht. (Q1: Seite 19)

Miit Hilfe der Kosten- und Leistungsrechnung gelingt es einen Erklärungsansatz zu entwickeln.

Variable und fixe Kosten

Der Begriff Kosten entstammt der Kosten- und Leistungsrechnung, er bezieht sich auf die Prodkution bzw. die Erbrinung von Leistungen eines Unternehmens, was u. a. durch den Terminus "Beschäftigung" in der nachfolgenden Grafik ausgedrückt wird.

Kosten ziehen nicht immer unmittelbar Geldflüsse nach sich (z. B. "kalkulatorische" Miete des Geschäftslokals im Eigentum des Unternehmers). Nicht alle Geldflüsse (Ausgaben) sind auch Kosten, nämlich dann, wenn diese in keinem Zusammenhang mit der Erbringung der Leistung (Produktion oder Dienstleistung) des Unternehmens stehen.

Kosten für die Nutzung von Geschäftslokalen (Läden) sind für eine gewisse Zeit betrachtet unveränderbar bzw. fix. Kosten für die Beschaffung der angebotenen Waren (z.B. Musik-CDs) sind hingegen variabel. Letztere fallen nur dann und in der Höhe an, die bestellt oder gefertigt wurde.

Alle Kosten lassen sich gemessen an einer definierten Bezugsgröße, z. B. einem betrachteten Zeitraum in Fixkosten und variable Kosten teilen und bilden zusammen die Gesamtkosten (der Beschäftigung).

Fixe, variable Kosten

Fixe und variable Kosten. Quelle: Controlling-Portal.de  20.Mai 2011

In Marktwirtschaften arbeiten Unternehmen gewinnorientiert, sofern diese keine karitativen Aufgaben erfüllen, und damit auch kostensparend. Auch nicht-gewinnorientierte Organisationen, z. B. Behörden oder gemeinwirtschaftliche Unternehmen sind kostensparender Leistungserbringung verpflichtet.

Angewandt auf den eingangs zitierten Plattenladen bedeutet gewinnorientiertes Arbeiten neben der kostengünstigen Beschaffung der Musik-CDs, die Produkte womöglich kurz im Regal des Geschäftslokals zu halten, demnach so schnell wie möglich zu verkaufen. Denn die fixen Kosten für den Betrieb des Geschäftes, nämlich dessen Verwaltung, Finanzierung, Werbung, Einrichtung, Miete, Versicherung, Reinigung und vor allem für das Verkaufspersonal werden den Produkten proportional zum beanspruchten Regalplatz und der Verweildauer zugerechnet. Mit jedem Tag, den das Produkt im Regal verbringt, steigt der Anteil der fixen Kosten. Dieses Kalkulationsmodell erklärt zumindest die bereits oben zitierte Aussage.

Kalkulationsmodelle wie das eben skizzierte beziehen sich jedoch auf den überwiegenden Teil aller "Geschäfte aus Ziegel und Mörtel" (brick and mortar businesses) mit materiellen und nicht "downloadbaren" Produkten. Geschäfte mit downloadbaren Produkten (online shops) sind vergleichbaren Begrenzungen durch fixe Kosten kaum unterworfen, zumal das Pendant der meisten fixen Kosten in den virtuellen Laden, nämlich der Kosten für Software und Speicherplatz vernachlässigbar klein sind.

Hits und Angebote mit begrenzter Auswahl

Die Restriktionen der Läden aus "Ziegel und Mörtel" mit ihren materiellen Produkten führen zur Konzentration des Angebotes auf eine Auswahl, welche - so zumindest die Theorie - die Nachfrage am Markt bestimmt. Für Nischenprodukte ist kein Platz. Die Konsequenz daraus sind "Geschmäcker, die um die Welt gehen". Mainstreams, welche sich im Massenkonsum der Hitparaden, Plattenverkäufen, Kinobesuchen, von Radio- und Fernsehsendungen und interkontinentalen "In-Produkten" ausdrücken.

Die 80 zu 20 Regel

Die Verallgemeinerung des Phänomens restriktiver Angebote geschah mittels statistischer Analyse auf Basis der 80 zu 20-Regel. Untersuchungen ökonomischer Abläufe ergaben, dass "Mit 20 Prozent der Produkte 80 Prozent des Umsatzes (und normalerweise 100 Prozent des Gewinns) erzielt werden können". (Q1: Seite 8). Die Wirtschaftswissenschaften haben Modelle und Theorien um dieses Phänomen gebaut und es als Pareto Optimum oder Paretoprinzip bezeichnet. Es verspricht mehr "Erfolg mit der 80-zu-20-Regel" (Quelle 28. Mai 2011).

Die grafische Darstellung ergibt ein nichtlineare Funktion, deren 80 Prozent-Umsatz-Teil als "Head" bezeichnet wird, der Rest als "Tail".

80-20-rule

Quelle: Supply-Chain-planning.blogspot.com 28.5.2011

Da sich die restlichen Produkte, die lediglich 20 Prozent des Umsatzes ausmachen auf 80 Prozent der Produkte ausdehnen, entsteht ein "Long Tail", welcher namensgebend für das Werk von Chris Anderson war.

Wie die Technologie aus Massenmärkten Millionen Nischen macht

Die Downloads des Onlinemusikanbieters Rhapsody im Dezember 2005, dargestellt am Nachfrageumfang des bezeichneten Monats. "Wal-Mart führt etwa 4500 einzelne CDs" (Q1, Seite 22)

Long Tail 1

Quelle: Q1, Seite 22

Die Downloads desselben Anbieters im selben Zeitraum, dargestellt Nachfrageumfang des gesamten Jahres.

Long Tail

Quelle: Q1, Seite 24, Verkaufszahlen in Tausend

"Wie Sie sehen können, geht die Nachfrage auch noch auf den hintersten Rängen nicht gegen null. .. Für sich genommen ist keiner dieser Songs populär, doch es gibt einfach so viele davon, dass sie zusammen einen bedeutenden Markt darstellen" (Q1, Seite: 24).

Die überwiegende Mehrzahl der Produkte findet sich nicht in den Läden aus Ziegel und Mörtel.

long tail 3

Quelle: Q1, Seite 28

Elemente im Zeitalter des Long Tail (vgl. Q1, Seite 62)

  1. In allen Märkten gibt es weit mehr Nischenprodukte als Hits.
  2. Die Kosten zu Erreichung dieser Nischen sinken derzeit drastisch. Dieses führt zu einer massiv erweiterten Auswahl der Produkte.
  3. "Filter" (z.B. soziale Netze, Anm. des Verfassers) können die Nachfrage lenken und so den Long Tail weiter verlängern.
  4. Die Nachfragekurve wird flacher. Die Hits werden im Verhältnis weniger populär.
  5. Es gibt so viele Nischenprodukte, dass sie zusammen einen Markt bilden, der den Hits Konkurrenz macht.
  6. Alle Faktoren zusammen werden die natürlich Kurve der Nachfrage zeigen, die nicht von Vertriebsengpässen, Mangel an Informationen oder begrenzten Regalflächen verzerrt ist.

Die Wirkmechanismen des Long Tail

Die Demokratisierung der Produktion:

Neue Produzenten, Prosumenten, Amateure als Forscher, Wikipedia, Peer Production, Viral Videos, Open-Source.

Die Demokratisierung des Vertriebes:

Aggregatoren fassen die Angebote an einer Stelle so zusammen, dass sie Nachfrager leicht finden können.

Unterschiedliche Kategorien:

  • Sachgüter (Beispiel: eBay)
  • Digitale Güter (Beispiel: iTunes)
  • Werbung  (Beispiel: Google)
  • Information ( (Beispiel: Wikipedia)
  • User generated Content  (Beispiel: Blogs)
Verbindung von Angebot und Nachfrage

Anderson bezeichnet diese als "Long Tail Filter". Gemeint sind damit Empfehlungen, Wertungen, Rankings, entstanden und gepflegt im Web2.0-Raum.

9 comments :: Kommentieren

mario.rader.uni-linz, 4. Oktober 2011, 16:44

Ein paar persönliche und ganz spezielle Beobachtungen zum Long Tail.

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Interessante Links zu "The Long Tail"

carina.waldenberger.uni-linz, 4. Oktober 2011, 20:09

Der "The Long Tail"-Artikel von WIRED-Chefredakteur Chris Anderson zum Nachlesen sowie ein Video in welchem Anderson anhand der Musik- und Filmindustrie die Long Tail-Theorie erklärt.

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mario.rader.uni-linz, 5. Oktober 2011, 08:25

Dankeschön für die Recherche!

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ulrike.schwantner.uni-linz, 16. Oktober 2011, 23:02

Die Links finde ich wirklich sehr spannend!

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Virales Marketing

sabine.kaplan.uni-linz, 9. Oktober 2011, 15:49

 

Ich habe auf youtube ein gutes Video gefunden, dass "Virales Marketing" am Beispiel Dove vorstellt. Weiterlesen…

 

 

 

 

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Pareto Optimum - 80/20 Regel

stefanie.bernegger.uni-linz, 14. Oktober 2011, 10:53

mehr zum Pareto-Prinzip und der ABC-Analyse findet Ihr hier.

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Suchmaschinenmarketing & Google AdWords

melanie.eisschiel.uni-linz, 15. Oktober 2011, 19:54

Eine beliebte Anlaufstelle für Kunden, die zum Beispiel mehr über ein Produkt wissen wollen, findet sich im Internet: die Suchmaschinen. Neben der reinen Informationssuche von Kunden werden Suchmaschinen auch immer öfter als Marketingmaßnahmen genutzt.

Ich habe während eines Praktikums viel mit Suchmaschinenmarketing und Google AdWords zu tun gehabt und habe ein paar Infos über SEM und Google AdWords für Interessierte zusammengetragen.

Hier mehr dazu!

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Virales Marketing

harald.koenigseder.uni-linz, 16. Oktober 2011, 20:04

Ein drastisches Beispiel für virales Marketing im Web findet ihr in meinem Blog.

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myboshi - Erfolg eines Longtail-Produkts

ulrike.schwantner.uni-linz, 16. Oktober 2011, 21:14

Zwei Studenten aus Deutschland haben in Japan die Häkelmütze entdeckt und in ihrem Elternhaus die Produktion von Boshi-Mützen begonnen. Großmutter häkelt mit ihren Freundinnen (selbstverständlich gegen Bezahlung) Mützen auf Bestellung - Jedes Muster, jede Farbe und jedes Modell genau nach Kundenwunsch! Hier gibt es mehr zu My Boshi - Häkelmützen aus Deutschland.

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